Der Kampf gegen die Hutnadel
Der Hut war schon immer mehr als nur ein Kleidungsstück. Im Laufe der Geschichte erfüllte die Kopfbedeckung zwei Funktionen: Nutzen und Status, und oft beides gleichzeitig.
Die Arbeitshelme hatten eine klare Funktion: Der Grubenhelm schützte vor Kopfverletzungen, die Wollmütze vor Kälte, die breitkrempige vor Sonne und Regen, die Südwestmütze vor Gischt. Kochmütze und Schwesternhaube hielten die Haare von Speisen und Patienten fern. Auch im Berufsleben gehörte die Kopfbedeckung zur Uniform. Militärmütze, Polizeimütze, Postmütze und Fahrermütze signalisierten den Mitmenschen, wer man war und in welchem Bereich man arbeitete.
Kopfbedeckungen signalisierten stets Zugehörigkeit – religiöser, kultureller und sozialer Natur. Hijab, Turban und Kippa zeigen die religiöse Identität an. Bunad, Tirolerhut und samische Mützen geben Aufschluss über den kulturellen Hintergrund. Der Hut saß nie einfach nur auf dem Kopf. Er erzählte immer eine Geschichte.
Mit der Zeit wurde der Hut auch zum Statussymbol. Gefertigt aus Biberfilz, Kaninchenfilz und Seide, verziert mit Straußenfedern, Blumen und kostbaren Hutnadeln, avancierte er zu einer kostspieligen Investition, die den Wohlhabenden vorbehalten war. Je größer und auffälliger, desto deutlicher die Botschaft von Reichtum und Rang.
Der Kopf der Hutnadel hat fast die Form eines kleinen Hutes und ist mit floralen Motiven aus Bronze und kleinen geschliffenen Glassteinen verziert.
Eine Nadel, die Chaos stiftete
Und genau diese Hutnadeln bereiteten letztendlich Probleme. Groß, spitz und potenziell tödlich, dienten sie in der Öffentlichkeit als offene Stichwaffen. Die Zeitungen waren voll von Berichten über Menschen, die ins Gesicht oder, im schlimmsten Fall, ins Auge gestochen wurden. Ein Mann in England erblindete nach einer unangenehmen Begegnung mit einer Hutnadel und erhielt 400 Pfund Entschädigung. Aus Trondheim berichtete der Korrespondent der Aftenposten, dass ein Mann ins Auge gestochen wurde, als eine junge Frau in der Straßenbahn einer Bekannten zunickte. Aus Berlin erreichte uns die Nachricht von einem Schaffner, der so schwer in den Arm gestochen wurde, dass es zu einer Blutvergiftung und einer Amputation kam.
Für manche Frauen erfüllte die Hutnadel einen doppelten Zweck: Sie hielt den Hut fest und diente gleichzeitig als wirksame Waffe zur Selbstverteidigung. Lang, spitz und potenziell tödlich. In den Vereinigten Staaten befürchteten die Behörden so sehr, dass Suffragetten Hutnadeln gegen die Polizei einsetzen könnten, dass sie 1908 eine maximale Länge von 23 Zentimetern einführten. Auch Krimiautoren entdeckten das dramatische Potenzial der Hutnadel. Agatha Christie ließ noch 1928 eine Romanfigur durch eine Hutnadel sterben, obwohl Nadeln zu dieser Zeit weitgehend aus der Mode gekommen waren.
Das Verbot, das für Aufsehen sorgte
Am 4. Juni 1913 erließ der Stadtrat von Kristiania neue Regeln für die Straßenbahngesellschaften: Damen mit ungeschützten Hutnadeln sollten aus den Straßenbahnen verwiesen werden. Gemäß Paragraf 339 des damaligen Strafgesetzbuches konnten die besonders Widerspenstigen mit Geldstrafen belegt werden.
Es herrschte ein ohrenbetäubender Lärm. Das Morgenbladet berichtete dramatisch aus den Straßenbahnen der Stadt: „Wie wütend viele der liebenswerten Wesen wurden, als der Schaffner ihnen den Zutritt zum Waggon verweigern musste!“ Doch die meisten Fahrgäste waren zufrieden. „Die anderen Fahrgäste sahen mit ungeteilter Genugtuung, wie hervorragend der Schaffner seine Pflichten als wohlwollender Beschützer erfüllte. Fast überall standen Frauen mit Speeren, die sich mit der üblichen Unverfrorenheit gewaltsam Zutritt verschaffen wollten, doch an der Tür wurden sie mit dem Befehl des Grauens empfangen: – Nein, Sie dürfen nicht einsteigen!“
Um die Situation zu entschärfen, wurden die Straßenbahnunternehmen angewiesen, Hutnadel-Schutzhüllen für je fünf Öre zu verkaufen. Der Absatz war groß. Kristiania Sporveisselskab verkaufte innerhalb von drei Tagen 15.000 Stück. Das andere Unternehmen musste das Verbot um vierzehn Tage verschieben, da in der Hauptstadt keine Hutnadel-Schutzhüllen mehr vorrätig waren. Aftenposten berichtete, dass ein Telegramm ins Ausland geschickt worden sei, um Nachschub zu bestellen.
Das Verbot erwies sich dennoch als schwer durchzusetzen. Im Juni 1916 zeigte ein Journalist einen Schaffner bei der Polizei an, weil dieser nicht gegen das Verbot der Hutnadeln vorgegangen war. Einem anderen Schaffner wurde vorgeworfen, zwei Frauen mit ungeschützten Hutnadeln zwischen Frogner und Jernbanetorget fahren gelassen zu haben. Nachdem der Schaffner 1917 freigesprochen worden war, wollte die Polizei Berufung einlegen, doch der Staatsanwalt hielt die Gründe dafür für zu schwach.
Die Mode rettete die Anwälte.
Die Frage eines allgemeinen Verbots von Hutnadeln auf den Straßen und bei Versammlungen kam 1914 erneut auf, doch manche Dinge änderten sich schneller als die Vorschriften. Seit Ausbruch des Ersten Weltkriegs war die Verwendung von Hutnadeln rückläufig. Edelmetalle hatten andere Verwendungsmöglichkeiten gefunden. Und dann kam die neue Hutmode. Prächtige Obstkorbhüte und lange Hutnadeln waren out. Bobfrisuren und schlichte Glockenhüte waren in. Die armen Juristen, die womöglich neue Regeln hätten ausarbeiten müssen, wurden von der Mode gerettet.
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden Hüte alltäglich. Einfachere Materialien und günstigere Produktionskosten ermöglichten es jedem, sie sich zu leisten. Ohne Kopfbedeckung zu gehen, galt sowohl für Frauen als auch für Männer als ungewöhnlich. Doch mit der zunehmenden Verbreitung von Autos in der Nachkriegszeit gerieten Hüte aus der Mode. Autofahren mit Hut ist schlichtweg unpraktisch.
Heute werden Hüte nur noch zu Partys und Feiertagen getragen, und an einem schönen Sommertag kommt der Sommerhut wieder zum Einsatz. Doch die Geschichte der Hutnadel erinnert uns daran, dass selbst das alltäglichste Kleidungsstück zu einem gesellschaftlichen Problem werden, Rechtsstreitigkeiten auslösen und jahrelang die Zeitungen füllen kann.